Früher bedeute das Wort “Flatrate” soviel wie “alles inklusive”. Ich bezahle einen festen Betrag und dafür kann ich eine bestimmte Leistung ohne Einschränkungen nutzen. Die Telekom definiert diesen Begriff derzeit neu. Im Sinne der Telekom soll Flatrate nicht mehr bedeuten, dass “alles inklusive” ist, sondern das bei erreichen einer bestimmten Volumengrenze die Übertragungsgeschwindigkeit auf Steinzeit Niveau reduziert wird. Die Meisten halten das für eine ziemlich dämliche Idee von der Telekom und regen sich entsprechend auf. Einige halten die neuen Volumen-Flatrates (*sic*) der Telekom allerdings auch für gerechtfertigt, denn 75 GB Traffic bei einem 16K DSL, erreichen ja so oder so nur Filesharer (auch *sic*).
Dies muss ich in großer roter Fettschrift strikt verneinen.
Die Drossel der Telekom trifft vornehmlich nicht die Filesharer, sondern Familien.
Unser Haushalt ist da das beste, wenn auch etwas extreme Beispiel.
Wir sind zu acht (in Zahlen: 8). Die beiden Jüngsten Kinder haben noch keinen eigenen PC, aber alle anderen in der Familie. An unserem 16 Mbit DSL Anschluss von der Telekom hängen also 6 PCs und natürlich auch diverse Smartphones. Unser Router zeigt ein monatliches Traffic-Volumen von 250 GB an. Wir sind keine “Filesharer” oder “Torrent-Freaks”, sondern ganz normale Internet-Nutzer. Die älteren Kinder bewegen sich – wie ich selbst auch – viel auf YouTube, spielen Minecraft, unterhalten sich mit Freunden über VoIP, Facebook, Twitter und Co. Was man halt so macht im Internet – als normaler Nutzer.
Hinzu kommt, dass ich zwei Tage die Woche im Homeoffice arbeite. Über eine gesicherte VPN Verbindung bin ich dann “virtuell” in der Firma, was natürlich ständigen Datenverkehr zwischen meinem PC und dem Firmennetzwerk verursacht. Ich hab es gestern mal festgehalten: Es sind in 8 Stunden ca. 2 GB Traffic die durch die Heimarbeit anfallen. Ich hätte nicht gedacht, dass tatsächlich so viel Datenverkehr stattfindet. Und das genau ist auch das Problem!
Wir denken oft noch in Traffic-Dimensionen von vor 5 Jahren, aber das Internet hat sich verändert. Die Inhalte haben sich verändert. Dadurch, dass vielen Menschen nun eine relativ hohe Bandbreite zur Verfügung steht, ist auch die Dateigröße der Inhalte gewachsen. Was vielen wohl noch nicht klar ist: Wenn ihr euren 16.000 DSL Anschluss ca. 10 Stunden voll ausreizt, dann sind die 75 GB durch. Ja richtig, nur 10 Stunden, danach surft ihr mit Steinzeit-Internet.
Ich muss mich wenn ich so einen scheiß Tarif buche also wieder entscheiden, ob ich ein YouTube Video wirklich in normaler Qualität ansehe, oder doch lieber im Grobpixel-Format, damit nicht so viel Traffic verbraucht wird – obwohl ich einen “Breitband Anschluss” habe. Ein ähnliches Verhalten kenne ich noch aus den Anfangszeiten des Internets. Da überlegte man sich auch immer genau was runtergeladen wurde, weil Flatrates gab es damals noch nicht. Das war so Anfang der 90er – also vor 20 Jahren. Mit “Flatrate” hat das NICHTS aber auch GAR NICHTS mehr zu tun.
Aber mal zurück zum Traffic den Familien verursachen.
Bei uns ist es so, dass 6 PCs ca. 250 GB pro Monat verursachen. Das sind pro PC etwa 40 GB. Selbst eine kleine Familie, die nur aus 3 Personen besteht, kommt so sehr schnell über die Grenze von 75 GB Traffic bei einem 16.000er DSL. Umgerechnet in Zeit: 2/3 des Monats surft die Familie mit normaler Geschwindigkeit, das restliche Drittel nur noch mit einer gedrosselten Anbindung, die eine Nutzung von YouTube und anderen “datenintensiven” Diensten unmöglich macht. Für Familien ist die Telekom-Drossel daher der Super-GAU. Und dazu kommt noch ein geographisches Problem.
Nehmen wir mal an, wir wären mit der Drossel einverstanden und wir wollten um nicht gedrosselt zu werden auf ein besseres Angebot wechseln. Vielfach ist dies gar nicht möglich, weil die Telekom den Netzausbau verpennt hat. Wir sind auch hier wieder bestes Beispiel: Wir wohnen ca. 100 Meter vom Ortskern entfernt, doch diese geringe Distanz reicht aus, dass wir nichts besseres als einen 16.000 DSL Anschluss bestellen können. Also selbst wenn wir den Tarif wechseln wollten, um ein größeres Traffic Volumen zu haben, ist uns das überhaupt nicht möglich. Was die Telekom da abziehen will ist familienpolitisch betrachtet absolut rückwärts gewandte Kackscheiße!
tl;dr
Wenn ihr über das Thema sprecht, dann sprecht nicht über Filesharing oder so einen scheiß, sondern denkt bitte an die Familien in Deutschland. Denn die Familien sind die hauptsächlich leidtragenden dieser verqueren Tarifregelungen seitens der Telekom, die – ähnlich wie die aktuelle Politik – die Lebenswirklichkeit der Kunden offenbar nicht mehr versteht.
Von der Sache mit der Netzneutralität mal ganz ab.
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